Die Tochter des Wachtmeisters Matthias unter unserem Josefs-Altar

Genauer: unter diesem Seitenaltar in unserem rechten Seitenschiff ruhen noch mehr Freienohler Verstorbene.

Was haben wir mit einem Offizier Matthias zu tun? Was geht uns das kleine Mädchen, seine verstorbene Tochter an? Aus dem Jahr 1634!

Kompakt dies: „Geschichte ist der Humus, auf dem die Zukunft wächst.“ - Hanna Barbara Gerl-Falkowitz, 2008.

Erstens die nicht unbekannte Geschichte. 

Hier aus der Zeitschrift „Sauerlandruf“, Nr. 4, 1963 vom Sauerländer Heimatbund: www.sauerlaender-heimatbund.de / Zeitschrift Archiv.

Sehr einfühlsam und zeitgerecht entfaltet von der Arnsberger Lehrerin Karoline Keßler.

Der silberne Becher

Der Regen rauschte, der Wind zerrte an den langen grünen Haaren der Birken und griff den Eichen in ihre krausen Kronen, dass ihr Weinen klang wie das Klagen unseliger Geister. Die Sauerlandsberge standen in grauen Schleiern, und der Himmel war wie ein ehern Meer.

Wachtmeister Matthias ritt ganz nah an einen der Bagagewagen heran. Er musste einen Sonnenblick erhaschen aus den Augen seines lieben Kindes. Klein Elisabeth klatschte in die Hände, als sie das bärtige Gesicht des Vaters sah. „Wir spielen Hühnerchen, Vater.“ Sonnenverbrannte Gesichter tauchten aus dem Stroh auf, Tönnies, der Sohn des Trossknechtes, krähte wie ein Hahn, und die menschlichen Hühnerchen gackerten vor Lust. „Vater, Vater,“ hörte man wieder die zwitschernde Stimme Elisabeths, „Tönnies glaubt nicht, dass hinter den Bergen das Paradies liegt, wo die Straßen von Gold sind, wo meine Mutter wohnt in einem Rosengarten, wo Vögel sind, bunt wie ein Regenbogen. Sag, Vater, sag dem Tönnies, dass es wahr ist.“ Wachtmeister Matthias lächelte selig. „Ja, mein Täubchen hat recht, hinter den Bergen ist das Paradies.“

Wenn der Wachtmeister sein Kind sah, konnte er die Bitternisse seines Lebens, die Not des endlosen Krieges vergessen. Seinem Kinde zuliebe war er der Werbetrommel gefolgt.  Monatliche 120 Florenos, damit wollte er ihm die goldene Straße bauen ins Paradies. Und die Gedanken des stillen Reiters wanderten nach Süddeutschland. Dort lagen die Felder unbestellt, von Gebüsch und Dornen überwuchert. Die Schweden hatten die flüchtigen Bewohner mit Spürhunden aufgejagt und grausam gemartert. Hier in den sauerländischen Bergen schien der Friede zu wohnen, und mehr als einmal blieb der Blick des Reiters an einem schmucken Bauernhause hängen, und es wuchs dann in ihm die Sehnsucht nach einem friedlichen Zuhause, nach einer Heimat für sein Kind. Und es war ihm, als müsse er das Versprechen, das er vor zehn Jahren einer Sterbenden gegeben hatte, immer wieder erneuern. - „Heute Abend werde ich unser Kind weich betten. Im besten Bauernhause des  nahen Dorfes soll es ruhen, Zuvor aber will ich es wiegen, wiegen. O, meine Arme sind eine feine Wiege! Und alle Reiterlieder sollen durch die Stube tanzen, und ich selbst werde dann das Ross meiner kleinen Elisabeth sein. Und dann, ja dann wird sie mir den Becher reichen, den silbernen, kostbaren, mein Beutestück von Magdeburg her. Alle Wölbungen der herrlichen Silbertraube werden den Glanz des Kienspan Lichtes auffangen und mit weichen Schein zurückgeben.“

Während der Regen unaufhörlich auf das Leinendach trommelte, machte Elisabeth Ringe von Stroh. Da wollte auch Tönnies einen haben. „Erst musst du sagen, dass du an das Paradies glaubst, das da hinten liegt, wo die Berge bis an den Himmel stehen,“ forderte Elisabeth, und ihr Finger zeigte über die von Regen triefenden Pferde und Söldner und über die im Winde klatschende grüne Fahne hinweg auf einen blassblauen Fleck, der in dem ehernen Meer des Himmels zu schwimmen schien.

Am Abend hat der Wachtmeister Matthias sein Kind gewiegt, aber er hat keine Reiterlieder gesungen, und das Kienspan Licht hat sich nicht im Silberbecher gespiegelt.

Die Bäuerin kam mit einer Schüssel voll Brunnenwasser und groben Linnen. Doch der Wachtmeister bat sie, ihn allein zu lassen, er wollte selbst die kühlenden Aufschläge machen, die der Feldmedikus verordnete. Und da das Kind im Fieber stöhnte:

„Ich will heint  schlafen gehen, zwölf Engel sollen mit mir gehen...“  Und mit dürren Lippen  nach den folgenden Worten suchte, betete Wachtmeister Matthias: „Zween zu Haupten, zween zur Seiten, zween zun Füßen, zween die mich decken, zween die mich wecken, zween die mich weisen zu den himmlischen Paradeisen. Amen.“

In der folgenden Nacht hielt er die Totenwache.

Am anderen Tage saß dem Pastor von Freienohl in der Frühmorgenstunde ein ernster Bittsteller gegenüber. Er bat, man möge sein liebes Kind Elisabeth in der Kirche neben dem Altar begraben. Der Pastor machte Einwendungen, das sei Vorrecht der Adeligen. Da stellte der Mann einen kostbaren Silberbecher auf den Tisch. Warm lag ein Sonnenfunke auf allen Wölbungen der edlen Traube. „Nehmt diesen Becher und tut mir die Liebe an. Es ist mein einzig Kind. Auf dem Friedhof würde sein Grab vergessen sein.“

Draußen rief der soldatische Trommelwirbel des ausziehenden Fähnleins.

Der Pfarrer Laurentius Pontanus murmelte: „Deo gratias. Auch der Krieg kann das deutsche Gemüt nicht umbringen.“ Dann schrieb er in sein Kirchenbuch:

„Anno 1634. Ein keyserlicher Wachtmeister Matthias mit nahmen ein verstorbenes Töchterlein in der Kirche beneben das Altar begraben lassen, zur begreffnuss verehrt der Kirche einen silbernen Becher, Gott lohne es, welchen der Hesse durch seinen raubers mit anderen Kirchensachen geraubet.“

Das kann man heute noch dort lesen.

 

Etwas zum Text von Karoline Keßler:

Begonnen sei mit dem Kirchenbuch-Eintrag von Pfarrer Laurentius Pontanus, auf deutsch: Lorenz Brüggemann, von ihm selbst wohl latinisiert; er war Pfarrer in Freienohl von 1630 bis 1650, vielleicht auch schon seit 1616, wahrscheinlich aus oder vorher in Calle. Sein Eintrag in sein „Kirchenbuch“, eine Art Jahres-Tagebuch-Protokoll ist nachlesbar im Freienohler Pfarr-Archiv B1 (Buch 1). Dieser Text kann als historisch korrekt gelten. Übersetzt: „Im Jahr 1634. Ein Kaiserlicher Wachtmeister (Offizier) mit dem Namen Matthias hat, möchte seine verstorbene kleine Tochter in der Kirche neben dem Altar begraben lassen. Für das Begräbnis schenkt er der Kirche einen silbernen Becher. Den hat der Hesse bei seiner Räuberei anderer kirchlicher Gegenstände geraubt. Gott belohne ihm das Geschenk.“

Freilich: historisch sicher muss nicht sein, dass der kaiserliche Wachtmeister auch tatsächlich gebürtiger Hesse war. 

Dichterische Freiheit ist auch der Name des Mädchens und der Junge mit dem Namen Antonius und die verstorbene Frau des Wachtmeisters.

Zur Wirksamkeit des einleitend genannten „Humus“ sei zitiert aus dem historisch exakt erarbeiteten Buch „750 Jahre Arnsberg... Herausgeber: Arnsberger Heimatbund... S. 87: „1634 drang der aus Arnsberg stammende hessische Truppenführer Beckermann mit Fußsoldaten und Reiterei in das Kloster Wedinghausen ein und verfolgte anscheinend feindselige Pläne gegen die Stadt, die jedoch – angeblich wegen eines heftigen Gewitters – unausgeführt blieben...“ - Außerdem aus historisch gründlicher Literatur: 1632 fand in Lützen bei Leipzig die wohl alles entscheidende Schlacht im Dreißigjährigen Krieg statt zwischen einem protestantischen, überwiegend schwedischen Heer unter Führung des schwedischen Königs Gustav Adolf und den katholischen kaiserlichen Truppen unter Wallenstein. - Nach der Schlacht bei Lützen zogen verbündete schwedische und hessische Truppen auch ins kurkölnische Sauerland, um die Kaiserlichen zu vertreiben. - Der Historiker Seibertz: „Ob Freund oder Feind, ob Schweden oder Hessen, ob Kaiserliche oder Soldaten der Liga: Zuchtlosigkeit, Habgier, Schandtaten und Zerstörungswut überall... Manches Dorf war menschenleer, den die Hausleute sind in die Wälder geflüchtet. Es herrscht solche Hungersnot, dass man Fleisch vom Schindanger nicht verschmähte, Gehängte vom Galgen schnitt, und ganze Banden sich zusammentaten, um Jagd auf Menschen wie auf  Vieh zu machen...“ 

Einschiebsel

Karoline Keßler und ihr Bruder Franz

Freienohhl ist die Heimat ihrer Vorfahren, der Geburtsort ihres Großvaters Adam Keßler (1833-1911) und ihres Urgroßvaters Johann Caspar Keßler (1793-1835). Das Stammhaus ist später Pension Witwe Assmann am oberen Ende der Krumme Straße.

Karoline Keßler, genannt Lina, Lineken, geb. 1895 in Hagen, gest. 1966 in Arnsberg (dorthin war diese Familie Keßler umgezogen). Sie war Lehrerin; hatte eine jüngere und 4 ältere Schwestern. 

Ihr Bruder war Franz Keßler, geb. 1906 in Hagen, sein letztes Lebenszeichen ist vom 15.02.1945 aus Preußisch Stargard, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. 1937 musste er sein Studium, seine Arbeit an seiner Dissertation abbrechen wegen seines Aufrufs „Kreuz statt Hakenkreuz“ zur Hakenkreuzfahne am Schlossturm in Arnsberg. Seine äußerst gründlichen Aufsätze, gesammelt im Buch „Kreuz statt Hakenkreuz“, zur Geschichte Freienohls gehören wirklich zur Pflichtlektüre für den Freienohler „Humus“.

Zweitens

Endlich unter den Josefs-Altar in unserer Pfarrkirche. Der „Humus“ wird noch intensiver wahrgenommen.

Bis zum Jahr 1886 war unsere Pfarrkirche deutlich kleiner. Da erst wurde die sogenannte erweiterte, die heutige Kirche gebaut. Bis dahin gab es noch rund um unsere Kirche den Kirchhof, jedenfalls die Grabsteine unserer Vorfahren, Freilich seit etwa 1810 gab es den Alten Friedhof, damals hieß er Totenhof. Die Jahre gingen dahin. Im Jahr 1995 wurde in unserer jetzigen Kirche eine neue Heizungsanlage gebaut werden; die Heiz-Ausgänge sind deutlich: nach dem Haupt-Eingang hinter der Glas-Tür gleich rechts, von da geradeaus  in den Altarraum bis vor die Sakristei-Tür; nach dem Haupt-Schiff der ganz alten Kirche die Seiten-Schächte nach links und nach rechts.

Kurz hinter der Kreuzung dieser beiden Schächte begann der Altarraum der ganz alten Kirche, kurz davor im Heizungsschacht wurden die Gebeine der etwa zehnjährigen Tochter des Wachtmeisters Matthias entdeckt, bestätigt von einem Arzt. Noch mehr Gebeine unserer Vorfahren wurden bei diesen Arbeiten gefunden. Die Gebeine des Mädchens und einiger Freienohler wurden unter dem Josefs-Altar im rechten Seitenschiff beigesetzt, noch mehr Gebeine auf dem Neuen, den Wald-Friedhof. Dafür sorgte unser damaliger Pfarrer Werner Gerold (1983-2000). Mit ihm feierte unsere Gemeinde auch an manchem Dienstag Abend und Mittwoch Nachmittag an diesem Altar die Heilige Messe, auch schon vor 1995.

Die Gemeinde fand das sehr gut: „Geschichte ist der Humus, auf dem die Zukunft wächst.“

Anhängsel:

Warum Josefs-Altar? Eigentlich ganz einfach für unsere St. Nikolaus-Gemeinde. Der Hl. Josef gilt als der Schutzpatron der Familie, der Sterbenden, der Kriegsgefallenen, der Arbeiter, der Handwerker. Seine Kompetenzen sind aus der Bibel bekannt: Zurückhaltung, Wirken im Hintergrund, kein Schimpfen, kein Gemecker, einfach, gerecht, gütig leben.  Zukunfts-Kompetenzen. Wenn auch seit rund zehn Jahren am Josefs-Altar keine Eucharistie mehr gefeiert wird, so gibt es doch Jahr für Jahr Frauen und Männer, junge und ältere Leute, die auf ihm die Weihnachtskrippe und die Fastenkrippe aufbauen, sie anschauen und beten. Der Humus stimmt. Textfassung bis hier: November 2011. –        Die besondere Eucharistiefeier am Josefs-Altar wurde vom nächsten Pfarrer Michael Hammerscgmidt „verlegt“ in seine neue Kapelle, in die ganz alte Sakristei hinter dem linken Seitenschiff, zwischendurch benutzt und benannt als Rumpelkammer. Die Volksweisheit kennt das schon lange von Ovid (43 v. Chr. – 17 n. Chr.), natürlich auf Latein: „Tempora mutantur et nos mutamur in illis. - Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns in ihnen.“ 

Heinrich Pasternak, 2022